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Zahnkontrolle oder das jüngste Gericht

«Es got noch es Momentli,» der Satz ist noch nicht ganz zu Ende gesprochen, da bin ich schon im Wartezimmer der Zahnarztpraxis verschwunden in der unrealistischen Hoffnung, vielleicht vergessen zu werden. Heute habe ich einen Termin zur Kontrolle, eigentlich keine grosse Sache, aber man weiss ja nie.

Ich mag den Zahnarzt, aber nicht so sehr die Behandlung. Während ich im Wartezimmer sitze, beruhige ich mich damit, dass ja ohnehin erst mal die Zahnreinigung dran ist. Und schon werde ich ins Behandlungszimmer gebeten. Wird schon nicht so schlimm werden, denke ich, lehne mich zurück und starre in ein helles Licht.

Es gibt einfach Situationen im Leben, die einem eine existentielle Auseinandersetzung abfordern. Etwas Angst vor dem, was da auf mich zukommt. Das Wissen im Hinterkopf, dass eigentlich nichts Schlimmes bevorsteht. Die beunruhigende Frage, ob ich genügend vorbereitet bin?

Meine Gedanken wandern. Ob sich aus dieser Situation etwas lernen lässt? Theologie sollte man treiben, wenn die Gelegenheit günstig ist. Was also, wenn das hier das Jüngste Gericht wäre? Die Situation weist geradezu beängstigende Parallelen auf.

Während ich all diese schweren Gedanken wälze, hat die Zahnreinigung ihren gewohnt undramatischen Gang genommen, man ist zufrieden mit mir und meinen Zähnen. Puuh! Aber dann entfernt sich die Zahnpflege-Assistentin mit den Röntgenbildern, um sie dem Zahnarzt zu zeigen, «nur zur Sicherheit». Zu früh gefreut. Das dicke Ende kommt bestimmt erst noch. Nach zähen 5 Minuten kehrt die Mitarbeiterin mit den Röntgenbildern in der Hand wieder zurück und spricht lächelnd folgenden Satz: «Ohne Verdacht entlassen. Alles tipptopp.»

Was, wenn das nun das Jüngste Gericht gewesen wäre? Dann wäre ich dem Gericht entronnen. All meine Sorge, ob ich ausreichend vorbereitet bin, wie schlimm die ganze Sache werden wird, wäre unnötig gewesen. «Ohne Verdacht entlassen.»

Und wenn es anders gekommen wäre? Dann wüsste ich ja wenigstens, dass der Zahnarzt ein Netter ist, auf den ich mich verlassen kann. Halleluja.