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Steig ins Wasser

sapere aude / incipe. Wage es, weise zu sein, fange an! (Horaz)

Diese zwei Zeilen hat Kant zu Unrecht auf ihre erste Hälfte reduziert, als er 1784 aus «Sapere aude!» den Wahlspruch der Aufklärung machte: hab Mut, den eigenen Verstand zu gebrauchen. Horaz, der den Satz 1800 Jahre früher schrieb, dachte dabei nicht zuerst an Vernunft und Erkenntnis. Er dachte an einen Bauern, der am Flussufer steht und wartet.

Der Bauer will den Fluss erst überqueren, wenn das ganze Wasser abgeflossen ist. Bis die Überquerung absolut sicher ist. Bis der richtige Moment kommt. Er wartet und wartet. Nur fliesst der Fluss weiter. Für immer. Wer auf den perfekten Moment wartet, wartet ewig.

Und genau das macht den Satz heute so aktuell. Wir leben in einer Kultur der Optionen: der zehnte Ratgeber, der elfte Vergleichstest, der zwölfte Tab offen für eine weitere, kurze Recherche. Analysis Paralysis ist die moderne Version von Horaz' Bauern am Fluss.

Genau da kann Horaz weiterhelfen. Für Horaz ist Weisheit nicht das perfekte Wissen vor dem Handeln. Es ist der Mut, mit unperfektem Wissen loszugehen.

Also: Steig ins Wasser. Es fliesst sowieso weiter.

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